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Strategien gegen den Corona-Lagerkoller

Wedel/Berlin (dpa/tmn) - «Die Hölle, das sind die anderen.» Das Zitat von Jean-Paul Sartre erhält in Coronazeiten eine ganz neue Bedeutung. Denn viele Menschen verbringen plötzlich viel mehr Zeit als sonst mit denen, die eigentlich ihre Liebsten sind. Das stellt auch die stärkste Beziehung auf die Probe, warnt Diplom-Psychologin Julia Scharnhorst.

Es gibt aber Tipps, um es gut durch die Wochen der sozialen Distanzierung zu schaffen - auch für Menschen, die gar keine anderen um sich haben. Ein Gespräch über Langzeitfolgen von Isolation, sinnvolle Projekte und feste Zeiten zum Sorgenmachen.

Frau Scharnhorst, viele Menschen sind jetzt mindestens fünf Wochen lang zu Hause - manche allein, andere mit ihren Familien. Lässt sich da verhindern, dass uns die Decke auf den Kopf fällt?

Juia Scharnhorst: So ganz lässt sich das nicht vermeiden. Es gibt aber Dinge, die wir tun können, um es leichter zu machen. Denn es geht ja nicht nur darum, die Zeit selbst erträglicher zu gestalten - sondern auch darum, eventuelle Spätschäden zu verhindern. Wir wissen aus Studien, dass die Folgen solcher Isolationserlebnisse oft noch zwei oder drei Jahre später spürbar sind. Manche entwickeln da im Extremfall tatsächlich eine posttraumatische Belastungsstörung, mit einer ganzen Palette an Symptomen: Gereiztheit oder Traurigkeit, Erschöpfung oder eine Schlafstörung.

Was ist denn ein Lagerkoller eigentlich aus psychologischer Sicht?

Scharnhorst: Da kommt eine ganze Reihe an Symptomen zusammen. Einmal natürlich die Angst - davor, sich anzustecken oder krank zu werden, gerade wenn jemand wirklich in Quarantäne ist. Aber manche haben vielleicht auch Angst vor Versorgungsengpässen oder um ihre finanzielle Zukunft. Dann gibt es das Gefühl, isoliert zu sein, in einer richtigen Quarantäne vielleicht auch stigmatisiert. Gleichzeitig ist man sehr lange mit Leuten zusammen, mit denen man sonst nur kürzere Zeitabschnitte verbringt. Und obendrauf kommt dann noch, gerade bei Kindern, das Gefühl der Langeweile.

Nun betrifft es ja gerade nicht nur den Einzelnen, sondern sehr viele Menschen gleichzeitig, im ganzen Land. Macht es das besser?

Scharnhorst: Ja, teilweise schon. Zumindest das mögliche Gefühl der Stigmatisierung wird dadurch aufgehoben. Es macht aber einen himmelweiten Unterschied, ob jemand freiwillig in Selbstisolation ist oder in einer vom Gesundheitsamt angeordneten Quarantäne. Was in beiden Fällen hilft, ist, sich vor Augen zu führen, dass man einen selbstlosen Akt begeht - ich leide, damit andere nicht noch schlimmer leiden. Das macht es oft schon besser.

Welche Faktoren können sonst noch helfen, Isolation erträglicher zu machen?

Scharnhorst: Klar ist: Je kürzer, desto besser. Wichtig ist aber vor allem, dass man die Dauer einschätzen kann. Wenn ich weiß, dass ich jetzt 14 Tage in Quarantäne bin, hilft das schon. Insofern finde ich es sehr problematisch, dass manche Regelungen gerade auf unbestimmte Zeit gelten. Wir brauchen aber auch generell Informationen: Wer in Quarantäne ist, will wissen, ob er infiziert ist oder nicht - das muss also so früh wie möglich klar sein.

Und was kann ich selbst gegen den drohenden Lagerkoller tun?

Scharnhorst: Ich muss die Zeit vor allem aktiv gestalten und sie nicht einfach nur geschehen lassen. Ich brauche also eine Routine, eine Struktur. Im Homeoffice kann es zum Beispiel feste Arbeitszeiten geben, für Schulkinder feste Lern- und Spielzeiten. Und gerade wenn man alleine ist, ist es wichtig, sich nicht total gehen zu lassen. Man kann mal ein oder zwei Tage ungeduscht im Schlafanzug bleiben - mehr sollten es aber nicht sein.

Und wie geht man damit um, wenn es in Paaren oder der Familie zum Streit kommt?

Scharnhorst: Ein guter Anfang ist, sich klarzumachen, dass Konflikte unvermeidbar sind. Je näher man sich ist, desto mehr Reibungspunkte gibt es. Das kennen wir ja auch von Weihnachten oder aus dem Urlaub. Diese Situation jetzt ist für alle neu, wir haben dafür keine festen Spielregeln. Die müssen wir also aushandeln. Da finde ich es durchaus sinnvoll, einen Kriegsrat zu machen und das ordentlich zu besprechen - und nicht nur darauf zu vertrauen, dass sich das von alleine regelt.

Was bespricht man da?

Scharnhorst: Wichtig ist zum Beispiel, wie die Haushaltsarbeit aufgeteilt ist oder wie man die Zeit verbringt. Da ist es durchaus okay, wenn sich jeder immer mal wieder in seinen Bereich zurückzieht, sofern das geht. Man kann nicht rund um die Uhr aufeinanderhocken, das geht einfach nicht. Und die neuen Spielregeln sollten auch nicht in Stein gemeißelt sein: Vielleicht probiert man das einfach mal drei Tage aus und macht dann noch einen Kriegsrat.

Wie gefährlich ist die Isolation für Menschen, die ohnehin alleine sind?

Scharnhorst: Das kommt sehr auf den Menschen und die Situation an - alleine zu wohnen bedeutet ja noch nicht, auch alleine zu sein. Aber gerade da ist es natürlich wichtig, Kontakt zu anderen Menschen zu halten. Wenn man die Oma nicht mehr im Altersheim besuchen kann, ruft man sie halt öfter an. Da ist es insgesamt wichtig, dass wir uns alle fragen, wer allein sein könnte. Denn oft ist das Gefühl vergessen zu sein sehr viel belastender als die tatsächliche Isolation.

Wie füllt man die Zeit denn am besten?

Scharnhorst: Es ist glaube ich sinnvoll, die Zeit auch als Gelegenheit zu nehmen. Vielleicht gibt es ja Projekte, die man schon immer mal machen wollte: der Frühjahrsputz, Urlaubsbilder sortieren, endlich dieses eine Regal fertig bauen. Oder man liest einfach mal wieder mehr gute Bücher.

Wichtig ist generell, nicht nur ziellos in den Tag hinein zu leben und sich auch nicht zu viele Sorgen zu machen. Die Atemlosigkeit in den Nachrichten oder in sozialen Medien können schnell Panik verursachen. Wenn das Überhand nimmt, sollte man es wenigstens teilweise ausblenden - und sich vielleicht auch zum Sorgenmachen feste Zeiten einrichten.?

Zur Person: Diplom-Psychologin Julia Scharnhorst ist Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).


Text: dpa / Bild: (dpa) (22.03.2020)